Die Klingel des Fahrradhändlers

Auf dem Klingeldeckel steht: K. Schmid. Augsburg. Bismarckstr. 14.

Den Herrn Schmid und sein Fahrradgeschäft gibt es nicht mehr. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es sich folgendermaßen zugetragen hat:

Herr Schmid verkaufte jeden Monat 4-5 Fahrräder an die Menschen in seinem Stadtteil und oft auch darüber hinaus. Das reichte aber nicht, um seinen Laden und seine Familie zu unterhalten. Herr Schmid reparierte deshalb vor allem die Fahrräder seiner Kundschaft und auch gerne andere Gerätschaften vom Rasenmäher bis zur Nähmaschine.

Damit auch seine neuen Kunden später mit ihren Servicewünschen zu ihm kamen, hatte er eine weitblickende Idee: er lies Fahrradklingeln fertigen, auf denen sein Name und seine Adresse eingeprägt waren. So hatte jeder Radler täglich vor Augen, wem er sein schönes Fahrrad zu verdanken hatte.

Diese Klingeln waren nicht billig und schmälerten K. Schmids Gewinn am Neufahrrad. Doch die zufriedenen Kunden kamen gerne wieder zu ihm. Auch die unzufriedenen Kunden, um die Herrn Schmid sich besonders kümmerte – er hatte schließlich einen guten Ruf zu verlieren. Ab und zu verschenkte er eine seiner wohlklingenden Glocken auch an treue Stammkunden. Bevorzugt zu runden Geburtstagen oder Ehe-Jubiläen.

Als sein Sohn in das Alter kam, die Werkstatt zu übernehmen, bot ihm Herr Schmid den Laden zur Übernahme an. Doch sein Sohn hatte sich gerade den ersten VW Golf gekauft. Außerdem mochte er sich nicht mit der anspruchsvollen, älter werdenden Kundschaft auseinandersetzen.

Herr Schmid entschied sich deshalb, selbst weiterzumachen, solange es eben ging. Als die Kundschaft immer weniger wurde und er weder mit Reparaturen noch mit Fahrradverkäufen genug Geld verdiente, schloss er sein Fahrradgeschäft für immer zu. Kurze Zeit später übernahm ein Telekommunikationsunternehmen mit Handyverkauf seine ehemaligen Verkaufsräume.

P.S. Dass Herr Schmid ein frommer Mensch war, davon zeugt das Abbild der Augsburger St. Ulrich-Kirche auf der Klingel.

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