Stein im Getriebe

Verkehrsrowdy

Früher habe ich zum Spaß harmlose Fahrradfahrer angehupt. Und gemütlich flanierende Fußgänger. Bei Rotgehern an der Ampel den Motor bedrohlich aufheulen lassen. Mit der absichtlich verstellten Scheibenwaschspritzdüse Passanten nassgespritzt. Dahindümpelnde große Pfützen und kalten Matsch am Fahrbahnrand zur prallen Fontäne umgestaltet. Gerne den Mittelfinger oder den Vogel gezeigt. Ohne nachzudenken. Ich bin oft zu schnell gefahren, habe alle und jeden knapp überholt und bin absichtlich Risiken eingegangen. Habe die Musik laut aufgedreht, das Autofenster offen, den Ellenbogen auf der Türkante.

Heute versuche ich rücksichtsvoll zu sein. Woher kam die Veränderung? Selbstverständlich ist die Verwandlung nicht. An Alter und Reife kann es nicht ausschließlich liegen: manche der obigen Verfehlungen sind bei rücksichtslosen 50jährigen Geschäftsleuten,  sturen 65jährigen Rentnern oder weltfremden Hausfrauen zu beobachten.

Mir gingen diese ganzen Auseinandersetzungen, der Frust und der Streß im Straßenverkehr nur noch auf die Nerven. Ich hatte die Wahl, noch blöder zu werden, oder bei mir selbst für eine Veränderung anzufangen.

Ich fuhr langsamer mit dem Auto, ließ mich nicht mehr provozieren, hielt Abstand, überholte nur selten und achtete auf Radler und Fußgänger. Die Konsequenz war, dass ich zum üblen Ärgernis der anderen Verkehrsteilnehmer wurde. Ich war aus dem Takt geraten. Ein Stein im Getriebe. Ich stieg aus und gab das Autofahren auf.

Die seltenen Fahrten, die ich jetzt unternehme, machen sogar wieder Spaß. Geschwindigkeit und Motorkraft erleben. Abwechslung zum Fahrradalltag. Weil ich Zeit, Route und Bedingungen selbst aussuchen kann. Und der dazugehörende Streß, auf der vollen Autobahn oder im winterlichen Feierabendverkehr, zeitlich begrenzt ist. Am Ende bin ich froh, wieder auf dem Fahrrad zu sitzen.

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